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    CARIOCA. White lies can`t jump

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    Israel Aten º Felix Adam º Nino Baumgartner

    ºººººº Arash Fakhim º Katja Tönnissen ºººººº

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                 Martin Kippenberger

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    23 Vorschläge zur Modernisierung des Rückenschwimmers in Korrelation mit 23 Werke aus dem Jetzt. 

    Immer wieder wird die Frage Laut gemacht und an uns gerichtet: “Wie wars denn in Brasilien? Steht Rio noch?“ Was uns die Möglichkeit gibt, in voller Blüte zu antworten. Die eigentliche Antwort jedoch heißt: Hab ich vergessen. (Obwohl wir morgens, mittags und abends uns zuschrien: „Albert- martin- das glaubt uns doch zuhause keiner!“). Und so ist es dann gekommen. Erzählen wir, wir hätten was verrücktes gemacht wie in der Avenua Nico Pecanha Samba getanzt (auf dem linken Fahrstreifen), so glaubt man uns nicht. Erzählen wir, wir hätten in der Rau 7 de September samba getan, so glaubt man uns nicht mal dieses. Man glaubt uns weder das eine noch das andere. Und da? wir Samba tanzend die Cosmovelho Straße zum Cocovado genommen haben, braucht man uns auch nicht zu glauben. (Haben wir auch nicht.) Aber daß uns keiner glaubt, daß Martin im Hintern vom Cocovado, wo eine niedliche Kapelle untergebracht ist, sich sambamäßig mit eindeutig blödem Geschichtsausdruck mit seinen Händen in die Hoden gehauen hat, glaubt man uns trotz Foto nicht, weil fast alle glauben, das Foto könnte nicht nur gestellt sein, sondern woanders gestellt sein. Wir nehmen es keinem Übel, wenn wir behaupten, der Coco hätte ständig  „Heil Hitler, ihr Arschlöcher! Habt ihr ne Tüte voll Geld dabei?“ geschrien, daß man es bis zur Rau Don Manuel (nicht verwechseln mit Dr. Manuel, denn der eine hat es,      der andere nicht ((das Weiße))) hören konnte. Aber einen gestreckten Arm hatte er mindestens, diese Betontype.(Obwohl der Jesus, den sie Coco nennen, Gläubigkeit ausstrahlt.) Und wie das so immer ist mit dem Glauben, tölpert ihr jetzt gewiss mit dem Argument: jesus gibt es nicht. Dazu sagen wir Folgendes: 1 oh. Gibt es keine Nutten in Rio, und 2. in Anlehnung bzw. Umdeutung des Aphorismus von Johannes Gross (über die Größe soll die Nachwelt entscheiden, wie unser Onkel Hubert zu sagen pflegte ((nicht zu verwechseln mit Hubert Kiecol)) ): Obwohl er Atheist war, mußte er dran glauben. Obwohl Ihr Atheisten seid, Müsst ihr dran glauben. (Abdichtung trifft Ablehnung) „ Heil Hitler ihr Arschlöcher h.i.n.t.v.g. d.?“ richtig geraten. Wir stehen in der Rua Don Manuel, und siehe da, Ihr glaubt es kaum: weiße Nudeln, schwarzer Schaum. Die Samoaseife in der Rau Don Manuel gibt es wirklich nicht, was übrig bleibt ist euer Getrommel von unkonzentriertem Glauben, was niemals da unten als Batterie zu erkennen, geschweige den zu enttarnen wäre. In Rio, weit weg, steckt der Hirsch (Glaube) im Dickicht des Sambablutes und und nicht in den Holz, auf dem Ihr wartend im Saarbrücken Arbeitsamt sitzt. Nun waren wir also in Rio gelandet, am Ziel unserer Träume. Mit einigen Angaben über das, was wir hier vorfinden sollten, hatte man versucht, uns dieses Erlebnis noch einmaliger zu gestalten. Der Carioca z.B. sei nicht nur jemand, der in dieser wundervollen sonnigen Stadt im ewigen Sommer lebt, also auch Hanno Hut z.B.. Aber Carioca zu sein, sei eigentlich eine geistige Einstellung (die wir denn allzu deutlich von H.H. zu spüren bekamen: Nicht zum Essen läuten, treten ((verrückte Angewohnheit)) ). Nie  der Ausruf “Goal“ aus Tausenden von Kehlen beim Ballspiel im Maracana-Stadion oder der Rhythmus des Sambas in der Rua Don Miguel oder der sinnlich schwingende Gang der Männer im Einteilbikini am Strand von Ipanema … Das war das, was wir nicht glauben konnten. Wir und alle anderen aus Nah und Fern waren jetzt auch Carioca und nahmen am erregenden Leben der Stadt teil. Die herzliche Begrüßung war zu diesem Zeitsprung schon inklusive. „Die Schotten sind auf“, schrien die braunen Sambasänger, wir folgten dem Urruf und drängelten uns über die Rua Boliva mitten hinein. Wer wie Oehlen weiß, wo die Rua Boliva liegt, weiß, daß sie an der Copa gebettet ist (gebettelt wird). “ Wer nicht bettelt, putzt Schuhe“, flüstert mir Oehlen zu. Worauf ich ihm zuflüsterte: “Oehlen pass auf deine weißen Turnschuhe auf.“ Kaum hatte Oehlen diesen Hinweiß wahrgenommen, war ein kleiner brauner Wicht zu Oehlens Füßen mit schwarzer Farbe schwer zu Gange. Doch zunächst einmal kreisten unsere Gedanken um das Konzert an jenem Abend. Werden wir mit den neuen Stücken bestehen? werden sie die brandneuen Kompositionen mit dem Refrain “Sprichst du die Frauen an, darfst du dich nicht wundern, wenn sie antworten“ mögen? Die Fragen häuften sich in uns. Wird das Plakat auch gut ankommen, das wir drei Monate später drucken, und wird der Kassettenrekorder funktionieren oder wir? Brauchen wir noch mehr Gitarren, oder bricht der Glaube an uns mitten auf der Bühne zusammen? Meinen wir wirklich uns und nicht das Publikum wer meint das Publikum? „ Kommt die Melodie, die wir meinen, auch wirklich als Samba rüber?“, fragt Martin den Oehlen, Oehlen ist nicht ansprechbar. er schüttelt teilnahmslos die Birne. Martin sagt zu Oehlen: “Reiß dich jetzt am Riemen und heute an den Gitarren, schließlich gehts um Rio.“ Fehlens Krawatte ( die einzige in Rio außer K`s) hängt  deprimiert nach unten, wie so wenig in Rio, als ob sie das Desaster vorausahnen würde.

    K zu Oehlen: “ Du weißt ganz genau, daß du jederzeit mit mir, ganz egal ob in Wien oder in Berlin über Scheiß-Frauen oder Nicht-Scheiß-Frauen reden kannst, aber nicht hier. wenn du von der Bühne runtergibst“, sagte Martin zu Oehlen, “kannst du dir den Arsch aufblasen lassen und dir Titten ranoperieren lassen. Aber solange die Zeit mit dir, Albert, mit mir Albert, im Scheinwerferlicht vor all den Scheiß-Braunen oder Nicht-Scheiß-Braunen Ricanern ist, bist du das Feuer und ich der tanz und keine andere Faxe. Hast du mich jetzt verstanden, Oehlchen?“ So K zu Oehlen in der Rua Boliva. Der Auftritt war klasse, wir hatten es geschafft, und alle die es miterleben und mithören durften, waren hin, und bald werden es alle in Rio bis hoch nach Saarbrücken wissen, daß wir die einzige Superband sind, die mit Alma anfängt und zu der Melodie „It`s my way- we are the Champions“ singen kann. Aber wie sollte das Oe zu diesem Zeitpunkt wissen, wo er verloren und verkauft im Raum trottelte, fern von allem Anderen, an der Rua Scheiße, weil so weit waren wir gegangen. Soweit sich Kippenberger erinnern kann, stammelt Oehlen im ausgesuchten Hundertfünfzig-Dollar-Appartement-die-Nacht vor sich hin: “Life, live, life in Rio, das mach ich nicht mit.“ K drauf zu Oehlen: „ Albert, das heißt doch nur 'live in Rio’. Das kann doch nicht das Problem sein.“ Ehrlich gesagt, hätten wir uns auf der Bühne nicht pünktlich vor lauter life und live singend in den Armen gelegen, würde Oe noch heute stottern (wie Naschberger, der auch in Rio war: “ Rio, Rio, Rio“ stotternd stolpernd an der Copa rumlungern oder in Saarbrücken). Wer weiß. Die Nacht kennt den Schatten, und nur wer in Rio war, in Rio vor der Bühne wo Oehlen und Kippenberger machten, der kennt auch den wunderbaren Schatten, den diese Beiden im Scheinwerferlicht live in Rio geschaffen haben. Ein Trost für die Daheimgebliebenen: Ihr dürft uns hassen, als Ausrede, weil Ihr nicht dabei wart, als der lustige Kippenberger tanzte, und der Oehlen auf der Bühne mitten in Rio sang und den Mund dabei nicht aufbekam. (D.M.w.z.) Meisterklasse, ein Begriff aus der tunlichen Welt der Nachschöpfer durfte an seiner ureigensten Bedeutung, Tun-Tuten-Machen = Wenn im Scheinwerferlicht und Soundgekrache sich das Siegel des Mutes in Gold verschmilzt, und der Stempel des Erfolgs sein heiteres “Wir haben es geschafft, Rio abend  hat gebracht“ eindrückt, aufleuchten. “Mann kann Stunden stehlen aber keine Nächte!“, schreit mir Oehlen ins Gehör, während die braune Brut noch klatscht, pfeift, begeistert ist und den Refrain hinterher johlt. So wurden wir Teil der Nacht, so wurden wir braun(Rio). Kipppenberger zu Oehlen und Oehlen zu Kippenberger: „Bist du als Leistungssportler geboren, bist du Leistungssportler und wirst deine Grenzen als Leistungssportler kennen. Wir wollen aber nicht raus, wir gehen der Sache nach. Und auf dem Weg darf man uns auch zuweilen schlechte Ficker nennen. Denn wir sind keine Leistungssportler -  wir sind Künstler und wollen strahlen. Wir stehen nicht auf Medaillen in weiß verwässerter Form. Wir sind doch nicht bescheuert, daß wir Mauern niederreißen wollen für Kleinkünstlerpreise, wo keine sind.Das Kapital des Mannes liegt nicht nur in Rio an der Rua Boliva begraben, sondern in der Hand, denn der Kasper von der Copa wird von Dr. Manuel an den Ohren gezogen (oder von Frau Dr.).  In der Hand liegt die Kürze, in der Copa liegt die Länge.“

    Text: Martin Kippenberger

    Mittwoch bis Samstag 14.00 - 22.00

    Finissage 16.11.18

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